Homo Urbanus oder der denkfaule Mensch

Im Rahmen der Europäischen Mobilitätswoche lud die Mobile Zukunft Osnabrück ins Theater zu einem Austausch mit der Biologin und Evolutionspsychologin Elisabeth Oberzaucher ein. Ein etwas anderer Blick auf die Frage, wie Städte beschaffen sein müssen, damit der Mobilitätswandel gelingt.

Die Überschwemmungen in Österreich verhinderten jedoch, dass Elisabeth Oberzaucher persönlich aus Wien anreisen konnte, was dem Informationsgehalt jedoch keinen Abbruch tat. Es wurde mal wieder klar, dass die Klimakrise uns immer wieder deutlich macht, wie dringend wir einen Mobilitätswandel brauchen.

Nach einem kurzen Ausflug in die Frühzeit der Menschheit, in der es schon Klimakatastrophen gab, die den Menschen zwangen mit völlig veränderten Umweltbedingungen umzugehen wandte sie sich der Gegenwart zu. Allerdings waren die damaligen Klimakatastrophen nicht menschengemacht, dennoch geben Sie uns Hinweise auf die Verhaltensweisen des Menschen. Anders als heute zog der Mensch aus den Regenwaldzonen in die Savanne und passte sich an die neue Lebenswelt an. Diese Lösung steht uns heute nicht zur Verfügung, da der Mensch mittlerweile alle für ihn akzeptablen Zonen besiedelt hat. Mit diesem Ansatz wird es also eng, wenn der Klimawandel ganze Landstriche unbewohnbar macht.

Wie aber können wir den Homo Urbanus bewegen sein Verhalten zu verändern, um planetare Grenzen nicht zu überschreiten. Wie können wir die Menschen dazu verleiten zu einer lebenswerten Stadt zu kommen, die es ermöglicht die Erderwärmung doch noch zu begrenzen.

Warum der Homo Urbanus? Mitte 2023 lebten 4,6 Milliarden der insgesamt etwa 8 Milliarden Menschen in Städten, Tendenz steigend. In Städten lassen sich durch die Dichte die Herausforderungen des Klimawandels am besten begegnen. In Städten wird die Dichte erreicht, die eine möglichst klimaschonende Lebensweise ermöglicht.

Aber zurück zur letzten Eiszeit. Durch den Wechsel des Lebensraums in die Savanne haben die Menschen sich für die psychologisch energiesparende Lebensweise entschieden und nicht dem heranrückenden Eis und der Kälte zu trotzen.

Obeezaucher erläutert die vier Grundeinstellungen des Menschen
Energieoptimieren
Sicherheitsliebend
Denkfaul
Gewohnheitsliebend

Wenn wir als das Verhalten des Menschen ändern wollen, müssen wir diese Grundhaltungen berücksichtigen. Dazu kommt, dass der Mensch das „Gesehene“ eher akzeptiert, als die Erklärungen. Die Anderen, die mich zur Verhaltensänderung verleiten wollen, „nerven“ erstmal nur. Dieses Verhalten zeigt sich deutlich an den Beispielen, in denen Straßenraum verändert wurde. Die Vorstellung einer Planung mit weniger Parkplätzen, mehr Grün, breiteren Flächen für den Fuß- und Radverkehr führt häufig zur Ablehnung. Wird die Planung dann umgesetzt, wird sie sehr schnell akzeptiert und die Qualitäten werden erkannt.

Ein weiteres Problem stellt die Diskrepanz zwischen dem bewußten Beschreiben des Verhaltens und dem wirklichen Tun dar. Elisabeth Oberzaucher macht dies an einem Experiment deutlich. Die Nutzer des ÖPNV wurden gefragt, ab welcher Entfernung sie sich im Zug auf freie Plätze setzen. Danach wurde das Verhalten in den Zügen beobachtet. Bei der Verhaltensbeschreibung behauptete die Mehrheit, dass sie sich erst bei Fahrten über mehrere Stationen hinsetzen; die Beobachtung ergab jedoch, dass über 90% sich sofort einen freien Platz suchen, auch wenn sie nur eine Station fahren.

Auf den städtischen Verkehr übertragen bedeutet es, dass ich das abgefragte bzw. beschriebene Möbilitätsverhalten der Menschen in Frage stellen muss und nicht ungefiltert als Grundlage für die Planungen übernehmen kann.
Dazu kommt, dass Menschen sich bei der Einschätzung von Entfernungen sehr stark durch das Umfeld beeinflussen lassen. Stehen die Gebäude eng oder weit auseinander, wie wirkt das Umfeld auf mich usw.

Der Mensch ist bestrebt „das Steuer selbst in die Hand zu nehmen“, da er glaubt, so den meisten Einfluß auf sein (Mobilitäts-)Verhalten zu haben. Im Bereich der Mobilität ist dieses Bedürfnis besonders fatal, da der Homo Urbanus glaubt mit dem Auto die optimale Fortbewegungsart gefunden zu haben. Dabei ist die individuelle Mobilität mit dem Auto am wenigsten planbar. Wieviel Mitmenschen kommen gerade auf die gleiche Idee, wurden gerade Baustellen eingerichtet, gibt es Entladevorgänge in engen Straßen? Auch Unfälle beeinflussen die unterschiedlichsten nicht planbaren Faktoren die Fahrt. Auch die Suche eines Parkplatzes wird nach Untersuchungen des Institutes Inrix deutlich unterschätzt. Autofahrer in Deutschland verschwenden danach im Durchschnitt 41 Stunden pro Jahr bei der Parkplatzsuche.

Damit kommt Elisabeth Oberzaucher zu einem wahren aber drastischen Schluß, dass man die Zeit im Auto direkt „in den Mistkübel“ werfen kann.

Ein weiteres Problem stellt das Wirksamkeitsempfinden dar. „Aber die Chinesen, sollen doch erstmal…“ Allein aus der Größe des Landes und der Zahl der Bevölkerung wird geschlossen, dass „die“ viel mehr erreichen könnten. Und darin ruht auch die stille Hoffnung, wenn „die“ es tun, brauche ich vielleicht nichts verändern. Dies ist in doppelter Hinsicht ein Trugschluss, denn 1. tun „die Chinesen“ schon heute deutlich mehr als Deutschland zur Reduktion der CO2 Belastung und 2. gelingt die Abwendung der Klimakatastrophe nur, wenn alle Nationen ihren Beitrag leisten wie sie es auch in Paris zugesagt haben.

Was also tun? Wissenschaftliche Erklärungen und Beweise führen nicht dazu, dass der schwerfällige, denkfaule, sicherheits- und gewohnheitsliebende Teil in uns sein Verhalten ändert.
Lebensqualität für die Nutzer des Umweltverbundes erhöhen und die Nutzung belohnen sind sicher eine gute Methode und gleichzeitig die Nutzung des Lieblingsspielzeug des Deutschen nach und nach erschweren. Bei meinem Sohn gab es zur Entwöhnung vom Schnuller die Geschichte von der Schnullerfee. Ob eine Geschichte von der „Autofee“ auch den PS-verliebten SUV-Fahrer entwöhnen kann? Bei mir bleiben da doch Zweifel. Vielleicht muss nicht zuletzt die Geschichte von dem „Küppel aus dem Sack“ herhalten.
Am meisten beunruhigt mich jedoch die Zeit, die uns bleibt, um nicht die dramatischen Kipppunkte zu erreichen.

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