Raus aus der Autokratie – Lesung von Katja Diehl

Es ist Donnerstagabend. Die Volkshochschule Osnabrück hat zur Lesung mit Katja Diehl aus ihrem neuen Buch Raus aus der Autokratie geladen. Ich kenne die Katja schon lange und freue mich an Ihrer Lesung teilnehmen zu können. Wir haben vor Jahren gemeinsam in Osnabrück begonnen uns mit dem Thema Mobilitätwende auseinander zu setzen.

Der Saal fühlt sich langsam. Viele Gesichter sind mir bekannt und ich habe die Befürchtung, dass wir, wie oft so oft in einem solchen Plenum weitgehend einer Meinung sind. Katja Diehl wird heute Abend nicht auf viele Kritiker stoßen.

Es ist nach dem Buch Autokorrektur Katjas zweites Buch zum Thema Mobilitätswandel. Ihre Herangehensweise an dieses Buch ist so einfach wie überzeugend. Sie hat in dem Buch nahezu 100 Personen aus den unterschiedlichsten Bereichen interviewt und wie sie selbst sagt, diese Menschen das sagen lassen, was sie selbst zum Thema Mobilitätswandel denkt. Dabei geht es Katja Diehl nicht vordergründig um den Klimawandel, sondern wie auch schon in ihrem ersten Buch Autokorrektur um eine Mobilität für eine liebenswerte Welt, um Städte, die nicht zu Abstellräumen für mehr oder weniger genutzte Autos verkommen, sondern um Lebensräume, in denen sich Menschen wieder begegnen können.

Katja Diehl beginnt die Lesung mit dem Prolog des Buches „ Schnee von Morgen“. Sie versetzt sich dort in die Rolle eines jungen Menschen, der auf unsere Zeit als auf ein „Früher“ aus den Erzählungen der Eltern zurückblickt und für den das, was für uns das „Jetzt“ bedeutet, etwas nahezu unvorstellbares darstellt. Dieses fiktive ICH fragt zurecht, wie schrecklich es doch gewesen sein muss, dass Kinder nur in abgezäunten Räumen spielen konnten, die Straßen voll parkender Autos standen statt schattige Alleen zu bilden und der Lärm die Menschen bewog, so schnell wie möglich wieder in ihren Häusern zu verschwinden. Diese Vision von einer Zukunft mit liebenswerten Stadträumen in denen sich Menschen begegnen, ist so schön und schrecklich zugleich. So schön weil einfach vorstellbar und so schrecklich, weil wir sie nicht einfach umsetzen.

Katja liest aber nicht nur aus dem Buch, sondern berichtet auch aus den zahlreichen Begegnungen mit Politikern, die derzeit an der Macht sind. Politikern, die eher im Stillstand verharren als die Veränderungen als Herausforderung anzunehmen und zumindest die Basis für lebenswertere Stadträume zu legen. Politikern, die ausschließlich den letzten Nackommaprozentpunkt im Auge haben um noch gerade über die 5%-Hürde zu rutschen.

Sie berichtet aber auch über die Begegnung mit Politikern, wie Carlos Moreno, dem Mastermind hinter der Pariser Oberbürgermeisterin Anne Hidalgo oder Andreas Røhl, dem Planer im Büro von Jan Gehl in Kopenhagen. Sie und viele andere, mit denen Katja Diehl sprechen konnte, liefern mit ihrer Arbeit, die Blaupausen für den Prozess der noch vor uns liegt. Jan Gehl hat 1962 in Kopenhagen mit der Veränderung der Stadt begonnen. Wenn wir es nur richtig anfangen, können wir uns den langen Weg, den diese Vorreiterstädte wie Kopenhagen, Groningen, Paris oder Gent gegangen sind, ersparen. Die Lösungen liegen auf dem Tisch. Aber warum tun wir uns so schwer, sie anzunehmen und umzusetzen, beziehungsweise mit geringen Modifikationen auf unsere Verhältnisse anzupassen. Was ist in unserer Gesellschaft falsch gelaufen, dass das Auto für viele Menschen zu einem solchen Fetisch geworden ist, dass eine Veränderung ihre Lebenswelt scheinbar zusammenbrechen lässt. Und was tut die Politik? Obwohl wir seit Jahren wissen, dass das Festhalten an fossilen Energieträgern ein fatales Ende nehmen wird, versuchen einzelne Politiker immer noch Zuckerstückchen zu verteilen, indem sie jede kleine Verbesserung der Effizienz von Verbrennermotoren als Silberstreifen am Horizont zu verkaufen und eFuels verteidigen, deren Leistungsbilanz die Sinnhaftigkeit von Verbrennungsmotoren noch weiter verschlechtert.

Aber Katja Diehls Ansatz geht deutlich über die Frage des Klimaschutzes und des Antriebs hinaus. Es geht Katja Diehl um die anfänglich beschriebene Vision einer liebenswerten Stadt, die zu Bewältigung der Klimaveränderung nicht nur wünschenswert, sondern unabdingbar ist, mit einer sozialgerechten Mobilität, die allen Bevölkerungsgruppen zur Verfügung steht.

Katjas Bücher sind absolut lesenswert. Sie sind wichtig, um sich jeden Tag wieder in die Diskussion zu begeben. Mich hat auf einer Veranstaltung eine Verhaltensforscherin beeindruckt mit ihrem Ansatz, warum so wenig passiert. Sie sagte, wenn wir die Menschen fragen, ob sie für Klimaschutz sind, bekommen wir zu 70% Zustimmung. Fragen wir danach aber was sie Glauben, wieviele Menschen der gleichen Meinung sind liegen ihre Schätzungen bei 20-25%. Wir wähnen uns in einer Minderheit. Diese Einschätzung wird noch Verstärkt durch die Lautstarken Gegner von Klimaschutz und Mobilitätswandel. Daher ist es wichtig die eigene Meinung offen zu vertreten und damit die versteckten Mehrheiten für die Entscheidet deutlich zu machen.

Ich würde gerne schließen, mit einer anderen Vision, einer Utopie des französischer Ethnologen und Anthropologen Marc Augé. In seinem Buch Lob des Fahrrads von 2008 beschreibt er unter dem Kapitel Die Jugend der Welt folgende Utopie: „Die Entwicklung des Fahrrads, hat die städtische Geographie revolutioniert. Die Radwege, die an der Seine entlang nach Westen und Osten führen, bieten die Möglichkeit, nun ganz leicht Suresnes oder die Seine-Inseln bei Meudon auf der einen, die Marnemündung auf der anderen Seite zu erreichen. Überall erleben die Gartenwirtschaften einen zweiten Frühling. … Mädchen und Jungen lernen gemeinsam, den Körper zu beherrschen, und üben sich in Mobilität. Alle Schulen beteiligen sich an diesem Bemühungen… Man atmet besser. Man riecht wieder den Duft der Kastanienbäume im Frühling und den gerösteten Kastanien im Herbst und ebenso die vielfältigen Düfte, die man, ohne es bemerken, vergessen hat. Man spürt wieder den Duft der Blumen, der Früchte, der Muscheln und Fische auf den Markt ständen, den von frischer Wäsche und den der Luft selbst. … die Straßen sind auf deshalb angenehmer geworden, weil die Fahrer zu ihrer früheren Heiterkeit zurückgefunden haben. Die Taxifahrer sind immer höflich, immer gut gelaunt und immer verfügbar und sie fahren ohne Ungeduld und Murren.

Utopie? Man könnte fast meinen, Marc Auge habe die Pläne von Anne Hidalgo voraus geträumt. Somit wäre der Beweis erbracht, dass auch die Utopien von Philosophen Wirklichkeit werden können.

Diehl Katja: Autokorrektur, 1. Auflage, Frankfurt am Main, Fischer-Taschenbuch, 2023

Diehl Katja: Raus aus der Autokratie, 1. Auflage, Frankfurt am Main, S.Fischer-Verlag, 2024

Auge, Marc: Lob des Fahrrads, 3. Auflage, München, Verlag C.H. Beck, 2016

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