Nun kann ich mit dem Begriff „Meine Nation first“, der meist von konservativen oder nationalistischen Politikern verwendet wird, nichts anfangen. Insbesondere in einer globalisierten Welt glaube ich nicht, dass ein Land unter einem so egoistischen Diktat die Zukunft für seine Bürger sichern kann.
Bei dem Begriff Fahrrad first geht es mir allerdings um etwas anderes. Unsere Städte platzen förmlich aus den Nähten. Die PKW-Zahl nimmt weiter zu. Allerdings reduziert sich die Zahl in der gefahrenen Kilometer. Letzteres lässt zumindest hoffen, dass ein Mobilitäts-Wandel doch möglich ist. Gerade in Großstädten oder den zentrumsnahen Bereichen in der Mittelstädte hört man immer wieder, dass Menschen ihr Auto stehen lassen, weil sie befürchten bei ihrer Rückkehr keinen Parkplatz mehr zu bekommen. Das Problem jedoch ist, dass bei immer weiter steigenden PKW-Zahlen immer mehr öffentliche Flächen zugeparkt werden und nicht für die notwendigen Veränderungen zur Verfügung steht.
Der Begriff „Fahrrad-first“ steht dafür, dass wir insbesondere in den Stadtquartieren, die eine hohe Verdichtung aufweisen, den Menschen Abstellmöglichkeiten für Fahrräder zur Verfügung stellen, die barrierefrei im Gebäude oder in unmittelbarer Nähe ihrer Wohnungen angeordnet sind und damit den kürzestem Weg zum Verkehrsmittel darstellen.
In der Regel steht vor dem Haus der PKW und das Fahrrad ist entweder im hintersten Eck des Gartens in einem Fahrradschuppen untergebracht ist oder muss gar aus dem Keller herausgeholt werden. Damit wir in den Städten ein Mobilitätswandel herbeiführen können, muss die Reihenfolge sein:
- qualitätvolle Fußwege für den Nahbereich und die erste beziehungsweise letzte Meile
- gesicherte Fahrrad Abstellmöglichkeiten in direktem Umfeld zum Hauseingang
- kurze und qualitätvolle Wege zum ÖPNV
- und zu guter letzt erst konzentrierte Stellplatzanlagen, möglichst in Quartiersgaragen.
Bei Neubauten oder grundlegenden Sanierungen sind Mobilitätsfoyers anzugordnen. Die Erdgeschoßbereich der Wohngebäude sind somit neu zu bewerten. In den Mobilitätsfoyers sind neben den Stellplätzen für die Bewohner auch Flächen für Sharingsysteme (Lastenräder, Hänger etc.) wie auch Paketstationen vorzusehen. Im Bestand sind dies Foyers in der Regel nicht umsetzbar. Hier muss auf den öffentlichen Raum zurückgegriffen werden.
Die Flächen, die derzeit für das Straßenrandparken genutzt werden, sind viel zu wertvoll in der Zukunft der Stadt. Wir müssen Sie sukzessive zurückbauen, um Flächen für den ruhenden Radverkehr und die Klimafolgeanpassungen zu erhalten.
Gesicherte Rad-Abstellanlagen im öffentlichen Raum zu schaffen, stellt sich leider nicht ganz einfach da. Sind Fahrradbügel in der Regel noch problemlos zu installieren wird es bei Fahrradboxen schon schwieriger.
Fahrradbügel stellen die einfachste Möglichkeit dar, zumindest das Rad gesichert anzuschließen. In vielen Städten gibt es so genannte Bügelprogramme, mit denen oftmals an den Straßenüberquerungen Bereiche gesichert werden, das Parken in Baumbeten verhindert wird und die Sichtdreiecke in den Einmündungbereichen freigehalten werden. Dazu gehen viele Städte dazu über nach und nach durch die Anordnung von Bügeln PKW-Stellplätze zu reduzieren. Gute Erfahrung hat die Stadt Nordhorn mit der Anordnung von Bügeln auch vor Geschäften gemacht, da vielen Geschäftsinhabern schnell klar wurde, das auf der gleichen Fläche, auf der ein Kunde mit seinem PKW parkt fünf Kunden ihr Fahrrad abstellen können.
Allerdings stellen Fahrradbügel für viele Nutzer keine Alternative zum gesicherten Abstellraum dar. Insbesondere bei höherwertigen Fahrrädern und Ausstattungen möchte man nicht nur das ganze Rad, sondern auch Teile davon dem Zugriff unfreundlicher Zeitgenossen entziehen.
Hierzu bieten sich Fahrradhäuser oder Fietsboxen an. Diese stehen aber im Konflikt mit der Straßenverkehrsordnung. Unabhängig davon, ob sie kostenfrei oder mit Gebühren vermietet werden, schließen Sie durch die Begrenzung des Zugangs auf nur ein Teil der Bevölkerung den allgemeinen Zugriff auf die Stellplätze aus. Die PKW-Parkplätze im öffentlichen Raum, unabhängig davon, ob sie bewirtschaftet sind oder nicht, stehen jedem zur Verfügung. Da insbesondere die Fietsboxen oder Fahrradhäuser die in Wohngebieten aufgestellt werden immer nur von einer begrenzten Anzahl von Personen genutzt werden und diese auch in irgendeiner Form ein Mietvertrag, unabhängig davon, ob der Tage Wochen Monats oder Jahres Weise abgeschlossen wird, stellt es ein Privatgebrauch da, der nicht so ohne weiteres auf öffentlichen Flächen umsetzbar ist. Es ist also vorher zu klären, ob zum Beispiel ein Parkstreifen entlang einer Straße als solche öffentlich gewidmet ist (oder als Verkehrsfläche) und ob im Einzelfall sogar die Anzahl der Stellplätze festgelegt ist.
Unproblematisch können solche Fietsboxen oder Fahrradhäuschen auf öffentlichen Flächen untergebracht werden, die nicht dem Verkehr gewidmet sind. Allerdings ist festzustellen, dass diese Flächen in den verdichteten Baugebieten in der Regel sehr knapp und nicht unbedingt den Wohnbereich zugeordnet sind. Möglich ist es auch die Fietsboxen in öffentlichen Grünflächen anzuordnen. Im Umfeld der Bäume ist allerdings wieder darauf zu achten, dass die Boxen, damit sie gut genutzt werden können, auch im Innern an festen Boden haben (Pflasterung, Asphalt oder eine Fertigteilplatte). Dies steht jedoch oftmals im Konflikt zur Flächenentsiegelung.
Wenn die Parkstreifen nicht exakt definiert sind, kann dies dazu genutzt werden Flächen zu identifizieren, die für die Fahrradhäuschen und Fietsboxen genutzt werden können.
Ein großer Teil der verbleibenden Parkflächen wird in den nächsten Jahren für die Maßnahmen der Klimafolgenanpassung benötigt werden. Parkflächen sind in den Städten quasi die einzigen öffentlichen Flächen, die für eine Entsiegelung zur Verfügung stehen. Eine Möglichkeit die notwendigen Stellplätze zur Verfügung zu stellen bieten Quatiersparkhäuser. Auch diese Quartiersparkhäuser sollten im Erdgeschoß Flächen für Radabstellplätze, Lastenräder und Sharingsysteme vorhalten. Auch hier sind Paketstationen anzuordnen um für KEP-Dienstleister die Stopps zu reduzieren. Damit erhöht sich ebenfalls die Radverkehrssicherheit, da die Parkvorgänge der Paketdienstleister in zweiter Reihe oder auf den Radstreifen reduziert werden.
Wenn die Städte auch nur in die Nähe der Klimaneutralität kommen wollen, wird die motorisierte Individualmobilität um circa 50 % reduziert werden müssen. Die Städte werden es nicht schaffen für die ganzen Funktionen so viel erneuerbare Energie zur Verfügung zu stellen um den Verkehrsektor mit erneuerbarer Energie zu versorgen. Damit wir auch klar, dass es nicht Aufgabe der Kommunen sein kann, die dem Parken entzogen Flächen eins zu eins in Quartiersgaragen wieder zur Verfügung zu stellen. Auch diese Flächen stehen in den Städten in der Regel nicht zur Verfügung.
Damit komme ich zum Beginn des Textes zurück, der dem ruhenden Radverkehr mehr Raum zuspricht. Die Städte müssen zügig damit beginnen, in den Quartieren nach und nach, mit jeder Sanierung der Straßenflächen und Nebenbereiche, dem Fahrrad und seinen Nutzern die notwendigen Flächen zur Verfügung zu stellen. Es ist nicht davon auszugehen, dass die Entscheidungsträger der Städte einen radikalen Schnitt politisch überleben werden. Aus diesem Grunde ist die sukzessive Umwandlung der Parkflächen in Stellplätze für Fahrräder und in die notwendigen Grünflächen der einzig mögliche Weg. Darüber hinaus werden die notwendigen Entwicklungflächen für Quartiersparkhäuser nur sehr schwer zu finden sein. Hier gilt es Kooperationen zum Beispiel mit den Discountern und Vollversorgung in den Quartieren zu suchen, private Garagenhöfe umzuwandeln und gegebenenfalls auch mal drüber nachzudenken ob einer nicht mehr attraktive Sportanlage anders genutzt werden kann. Auch die Übernahme eines nicht mehr attraktiven Verbrauchermarktes kann gegebenenfalls eine mögliche Fläche darstellen.
Wichtig ist, dass diese Überlegungen zügig für die gesamten in Frage kommenden Quartiere angegangen werden, um jede sich bietende Möglichkeit für eine Flächennutzung im Sinne des Konzeptes einer lebenswerten Stadt zu nutzen.