Auf einem Stadtspaziergang durch die Innenstadt, auf dem wir über die nächsten Entwicklungsschritte informieren wollten, sagte ein Apotheker aus zu mir: „Lassen sie endlich den Fahrrad-Dogmatismus. Das Leben geht nicht ohne Auto“.
Nun kann man den Satz einfach so stehen lassen und versuchen zumindest die interessierten Mitbürger zu überzeugen, neue Wege in der Transformation der Städte mitzugehen. Wenn man sich den Satz allerdings so richtig auf der Zunge zergehen lässt, muss man feststellen, dass auch eine Menge Verachtung in der Kombination von Satz und Sprecher liegt. wenn man weiß, dass der Geschäftsmann eine Apotheke betreibt, die am Besten durch den ÖPNV erschlossen ist und in der Nähe der Fußgängerzone liegt und das Geschäftslokal selbst keinen eigenen Stellplatz für Kunden besitzt, tut sich schon der erste Diskussionsansatz auf. wir wissen aus mehreren Untersuchungen, dass es immer noch eine deutliche Fehleinschätzung des örtlichen Handels gibt, wenn Einschätzungen abgegeben werden sollen, mit welchem Verkehrsmittel die eigenen Kunden kommen.
Nach Untersuchungen aus Österreich und Bayern in den Jahren 2015 bis 2019 haben nun Forschende des Instituts für transformative Nachhaltigkeitsforschung in Potsdam (IASS) rund 2.000 Kundinnen und Kunden sowie 145 Einzelhändlerinnen und -händler am Kottbusser Damm (Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg) und der Hermannstraße (Bezirk Neukölln) befragt. Die große Mehrheit der Einkaufenden – 93 Prozent – hatte die Einkaufsstraßen nicht mit dem Auto erreicht. 91 Prozent des Geldes, das die Kundinnen und Kunden in den lokalen Geschäften ließen, kam aus dem Geldbeutel derjenigen, die zu Fuß, mit dem Rad oder mit dem ÖPNV unterwegs waren. Diejenigen, die zum Einkaufen mit dem Auto in die Stadt fahren, waren also nur für 9 Prozent der Umsätze verantwortlich. Diese Erkenntnis deckt sich mit Studien, die 2019 über die Innenstädte von Offenbach, Gera, Erfurt, Weimar und Leipzig erschienen sind. Auch die Forschung über Mobilität und lokale Wirtschaft aus anderen europäischen Ländern, aus Nordamerika und Australien spiegeln die gleichen Erkenntnisse wider.
Nun ist shoppen nicht der einzige Lebenszweck aber gerade dieser Händler lebt davon. Ein zweiter Aspekt an der Aussage ist jedoch nachdankenswert. Wenn „das Leben nicht ohne Auto geht“, was machen dann die Menschen, die nicht über ein Auto verfügen? Welche Arroganz spricht aus diesem Apotheker, denn lässt seine Aussage im Umkehrschluss nicht erkennen, dass Menschen die kein Auto haben für ihn zumindest nicht richtig leben? In Deutschland verfügen 2022 zwar ca. 77% aller Haushalte über ein Auto, aber nur 27% der Haushalte verfügen über zwei PKW. D. h. dass zumindest auch in den PKW-Haushalten nicht ständig allen Familienmitglieder ein Fahrzeug zur Verfügung. Leben sie dann nicht, wenn das Fahrzeug nicht zur Verfügung steht, könnte man sarkastisch fragen. Zudem leben in Deutschland 12,6 Millionen Menschen bewußt oder aus finanziellen Gründen komplett ohne Auto. Auch diese Menschen stehen für diesen Apotheker außerhalb seiner Vorstellung von Leben.
Allein dieser Satz des örtlichen Apothekers zeigt, wie weit manche Menschen noch vom dringend notwendigen Mobilitätswandel und der Transformation der Städte entfernt sind.
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